E-Mail-Dialog mit Wolfgang Ullrich

Der Leipziger Kunstwissenschaftler Wolfgang Ullrich ist nicht nur einer meiner besten Freunde, er ist vor allem der wichtigste Sparrings-Partner für meine Kunstprojekte geworden. Zusammengeführt haben uns sehr ähnliche, oft gemeinsame Auffassungen zu verschiedenen Bildphänomenen und unsere grundsätzliche Skepsis gegenüber den Mythen, Aufladungen und Heilsversprechen der Kunst.

Aus dem ständigen Austausch heraus entwickelte ich 2017 ein Projekt, Bilder der für den Druck untersagten „Siegerkunst“-Fotos aus seinem gleichnamigen Buch umzusetzen. Während ich Wolfgang Ullrich dabei lediglich auf neuestem Stand halte, suchte ich für die „Autopsie einer Bildkritik“ von vornherein und ganz bewusst den intensiven Dialog – zu viele Fragen beschäftigten mich, auf die ich allein kaum alle Antworten gefunden hätte. So entwickelte sich während der fast zweijährigen Arbeit ein ständiger Austausch über E-Mail oder Twitter-Nachrichten, der am Ende inklusive Bildmaterial 82 Word-Seiten füllte. Keine Zusammenfassung vermag es, die vielen Gedanken, Überlegungen und Entscheidungen, an denen Wolfgang Ullrich mittelbar immer beteiligt war, auch nur ansatzweise in der Quantität und Komplexität des Dialogs zu vermitteln. Wir beschlossen deshalb gemeinsam, diesen Dialog zu veröffentlichen, erschien er uns als schriftliche Dokumentation der Projektgenese doch ebenso wichtig und rezeptionswürdig zu sein wie die Fotos, Videos und begleitenden Texte.

Werkgenesen, Kunstwerkgenesen ohnehin, unterliegen in der Retrospektive der Gefahr, Entscheidungsprozesse verkürzend zu nivellieren, Konflikte und Zweifel auszublenden und das gesamte Projekt nur aus der Perspektive und Evidenz des Ergebnisses zu betrachten. Während das grundsätzlich für alle Werkgenesen gilt, also auch für Designprozesse, Industrieprodukte oder Werke der Architektur, ist die Verlockung einer zwingend erscheinenden, ja genialischen Genese im Bereich der bildenden Kunst, der Musik oder der Literatur umso größer. Künstler*innen, so die allgemeine Vorstellung, pflegen bei ihrer Werkgenese nur den Dialog mit sich selbst.

Diesem Schöpfer*innen-Mythos entgegenzutreten, der offenbar von einer Sehnsucht nach begnadeten Magiern, göttlich inspirierten Heilern oder genialen Vermittlern übersinnlicher Wahrnehmungen getragen wird, wäre für mich schon Grund genug, diesen Dialog zu veröffentlichen.



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E-Mail-Dialog mit Wolfgang Ullrich, 73 Seiten
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