E-Mail-Dialog mit Wolfgang Ullrich


Teil 2


NP, 2.3.19
Auch wenn in meiner Mail die Kamera thematisch einen so großen Raum einnahm, wollte ich eigentlich nur das Objektiv für die Fotodokumentation verwenden, da ich eine Belichtung auf Film aller Kästchen mit der Contax-Kamera eigentlich als zu teuer, zu aufwendig und auf Grund der fehlenden Makrofähigkeit ganz schnell verworfen hatte.
Als ich heute Nachmittag noch einmal darüber nachdachte, wurde mir klar, dass so ein geradezu anachronistisch anmutender Aufwand auch bezüglich der dokumentarischen Begleitung des Malprozesses tatsächlich die konsequenteste Anwendung der Mittel für genau dieses Bild wäre. Es wäre eine weitere Sichtbarmachung des "politisch-moralischen Skandals", wie Du so treffend geschrieben hast.
Außerdem muss ich nicht beide Bilder in technisch gleicher Art und Weise dokumentieren. Die Kombination aus digitaler und analoger Fotografie mit einer modernen Kamera und Analogfotografie böte mir vielmehr die Gelegenheit, das eindeutig Trennende der beiden Bilder auch auf der Dokumentationsebene vorzunehmen. Das klingt vielleicht ein wenig zu feingestrickt, aber ich war noch nicht komplett zufrieden mit meiner Idee, die Kästchenabfolge beider Motive als gemeinsam fortlaufende Reihe in der Fotoanimation zu präsentieren - hier kamen auch bei mir wieder die möglichen Bedenken, die Du zur Gesamtidee so treffend formuliert hattest.
Der Wechsel der Farbigkeit der Motive macht die Inszenierung Mühes im Sinne einer ästhetischen Anmaßung sichtbar, eine vergleichbare Differenzierung will, ja muss ich aber auch hinsichtlich der Dokumentation vornehmen. Würde ich beide Motive mit dem Zeiss-Objektiv an einer Digitalkamera aufnehmen, wäre das eine nicht gewollte Vereinheitlichung. In der Fotodokumentation würden beide Motive wieder zueinanderfinden, obwohl ich gerade das Fehlen der Differenzierung und Trennung in Mühes Werk kritisch hervorheben will - also die durch die Faktizität von Auschwitz offenbarte Unmöglichmachung jeglicher nationalromantischen und völkischen Ästhetik und deren Offenbarung als "Falsches im Falschen".
Noch ein übersehener Aspekt kam mir nach Deiner Mail ins Bewusstsein: Da die Dokumentierung des Malprozesses ein weiterer, bewusst aufwendiger Akt der Sichtbarmachung meiner Kritik darstellt, werde ich sie im Falle der Auschwitz-Paraphrase auf dem Bild unterlassen. Das Birkenau-Motiv werde ich ohne diesen Akt einer visuellen Sezierung des Prozesses umsetzen. Außerhalb der Umsetzung lasse ich dieses Motiv in Frieden, es bleibt von weiteren Aktionen unangetastet, Unterlassen als Respektsbezeugung sozusagen, ja vielleicht sogar als eine Form nachträglicher und legitimer Tabuisierung.
Als größtmöglichen Gegensatz dazu wird die analoge Fotodokumentation mit der Contax auf Schwarzweißfilm erfolgen. Das wäre auch bezüglich Mühes farblich so gefällig abgestimmter Abendlichtromantik ein Statement. Ich habe einen sogenannten Contameter aus den späten 30ern, eine Vorrichtung, die Contax moderat makrofähig zu machen. Ich habe diese Kombination mit Objektiv, Vorsatzlinse und Contameter einmal an der Sony-Kamera getestet, funktioniert immer noch einwandfrei. Anbei übersende ich Dir mal ein Foto.

Morgen werde ich mal nach 10 Jahren die Contax testen.
Ich hoffe, die ganzen Dimensionen meiner Gedankengänge sind später nicht notwendig, das Werk zu verstehen. Sei's drum, ich lasse es darauf ankommen :-)

WU, 3.3.19
Ja, es war etwas voreilig und naiv von mir, zu unterstellen, Du würdest auch bei den Mühe-Auschwitz-Bildern Kästchen um Kästchen fotografisch dokumentieren. Naiv deshalb, weil das für Thema und Konzept dieser Bilder gar keinen Sinn machen würde. Es geht ja hier nicht darum, Bildlichkeit als solche in ihrer Genese (und Auflösung) zu analysieren und so etwa die Frage nach Urheberschaft und Urheberrechten zu stellen, sondern es geht um Ästhetiken und moralische Fragen. Aber allein dass Du das eine dokumentierende Foto des fertigen Bildes mit einer Kamera machen wirst, die ohne Auschwitz-Opfer nicht möglich gewesen wäre, ist eine so starke, so wichtige - und so ungewöhnliche Geste. Welcher Fotograf macht sich schon Gedanken über die Genese der eigenen Kamera? In all ihrer Eitelkeit glauben die Fotografen lieber, ein Foto sei zu 100% ihnen selbst zu verdanken. Du aber lenkst den Blick gerade auf sonst vergessene Mit-Urheber. Und nimmst zugleich Millionen von Bildern, die mit demselben Kameratyp entstanden sind, ihre Unschuld.


NP, 4.3.19
Nein, Du warst nicht voreilig und schon gar nicht naiv! Im Gegenteil, ich hatte doch selbst diesen linearen Gedankenstrang streng weitergeführt. Es war vielmehr völlig normal, weil naheliegend, so zu denken. Mehr noch: durch diesen Gedankenaustausch habe ich erst ganz neue Dimensionen erkannt, genauso, wie Du jetzt wieder für mich die Essenz entdeckt hast, die ich nur in den Ansätzen gesehen habe. Es ist genau diese Genese der Kamera, die dem von mir postulierten Scheitern von Mühes Ästhetik Geltung verschafft. Das ist der Grund, warum mir das so relevant erschien. Die Kamera, die nur das Kreidefelsen-Motiv dokumentiert, wird tatsächlich zum wichtigsten Zeugen meiner Mühe-Anklage.
Ich überlege noch, ob es nicht doch sinnvoll wäre, ja noch anklagender, die ohnehin monochrome Kreidefelsen-Paraphrase ebenfalls kästchenweise zu dokumentieren. Natürlich hast du vollkommen recht, dass es einen wichtigen konzeptuellen Unterschied zu den Siegerkunstbildern gibt, den Du natürlich auch herausgestellt hast. Es stimmt auch, dass die Digitalisate und ihre Animation als Dokument des Aufwands die eigentliche Rolle bei der Dokumentation der Siegerkunstbilder spielen und nicht die Digitalkamera als technisches Mittel.
Im Fall der Kreidefelsen-Paraphrase gäbe es aber zusätzlich analoges, physisches Material, nämlich Negativstreifen. Das monochrome Kreidefelsen-Motiv beinhaltet 1936 Kästchen und würde damit ebenso viele Negative generieren. In Filmstreifen mit den klassisch geschnittenen 6 Negativen wären das etwa 325 Streifen. Ich könnte sie auch als Positivkontaktabzüge scannen.
Hintergrund ist, dass die Sonderkommando-Fotos immer nur über singuläre Digitalisate wahrgenommen werden, nicht als zusammenhängender, konspirativer Akt des Fotografierens, der sich nur in der Betrachtung des entsprechenden Kontaktabzugs offenbart und der auch einen ersten Fehlschuss enthält (und über den ich mir anfangs des öfteren Gedanken machte als Inhalt zum Mühe-Projekt):
https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Auschwitz_resistance_photos#/media/File:Auschwitz_Resistance_reconstruction.png
Mühe verbirgt wie fast alle Fotokünstler diesen Akt. Es ist eindeutig, dass es sich nicht um einen augenscheinlichen Schnappschuss handelt, als den es mit schiefem Horizont daherkommt, sondern um eine generalstabsmäßig geplante Arbeit. Es ist auch nicht klar, wieviel digitale Postproduktion er in sein Foto gesteckt hat. Ich würde dagegen mit der geschichtlich aufgeladenen Kamera ebenso den Akt des Malprozesses wie den Akt der Fotoerstellung bezeugen, denn die physische Faktizität der Negative belegt ebenso eine Wahrheit wie die Handvoll Negative aus Auschwitz, mit denen übrigens alle Holocaust-Leugner immer eine viel größere Erklärungsnot hatten als mit böswillig interpretierbaren Augenzeugenberichten. Ich dachte sogar schon daran, ebenfalls das verbrauchte Material, also die Butterbrotpapiere von der Palette und die Pinsel aufzubewahren oder sie mit der Contax fotografisch zu dokumentieren.
Ich muss noch etwas darüber nachdenken und würde irgendwann auch gern Deine Auffassung dazu hören. Bis das alles für mich ganz klar ist, bleibt das Raster auf dem Bild noch unberührt.
Ich sehe es als meine Pflicht und Notwendigkeit an, Sorgfalt auch bei so etwas wie "Kunst" anzulegen. Auch auf die Gefahr und große Wahrscheinlichkeit hin, dass dieser Weg oft und zwischendurch immer wieder in die Irre führen kann. Aber geht Dir das nicht auch so bei all Deinen Texten und trotz Deiner Routine des Schreibens? So etwas wie "Geniestreiche" gibt es, so glaube ich jedenfalls, nicht. Hinter jedem vermeintlichen Geniestreich steht immer ein erheblicher Aufwand an Arbeit und Zeit, ein Preis, der nur eben schon im Vorfeld bezahlt wurde. In der Kunst (nicht nur in der Fotokunst) wird das seit der Moderne nicht mehr oder nicht gern gezeigt.


WU, 5.3.19
Dass man für die analoge Dokumentation mit Negativstreifen oder Kontaktabzügen arbeiten könnte, ist ein entscheidender Punkt! Denn mehr und mehr wird es ja als Merkmal der analogen Fotografie bewusst, dass die Bilder bei ihr in einer eindeutigen, nicht fälschbaren Reihenfolge entstehen (man müsste dazu schon sehr gravierende Manipulationen mit dem Rollfilm vornehmen). Sie haben damit eine stärkere Referenz zur Realität - ihrer Zeitlichkeit - als digitale Bilder. Ich bin mir nur nicht sicher, ob es nötig ist, jedes einzelne Kästchen fotografisch zu dokumentieren. Würde man den Aspekt der Zeitlichkeit nicht besser sichtbar machen, wenn Du z.B. jeden Tag ein Foto machst? Idealerweise immer zur selben Uhrzeit? Und unabhängig davon, ob Du weitergemalt hast an dem Bild oder nicht? Damit bekommen die Fotos zugleich einen überwachenden Charakter, vielleicht sogar etwas leicht Beklemmendes, was zu dem Thema wiederum gut passen würde.


NP, 7.3.19
Ich habe die letzten Tage immer wieder darüber nachgedacht, wichtig dabei war Dein Hinweis auf die Aktualität im Sinne einer (Selbst-)Überwachung. Es stimmt, die gesamte Umsetzung darf, soll sogar beklemmend sein, es ist eine Kritik als Anklage und kein nonchalantes Spiel mit Medien, das ist es ja gerade, was ich Mühe zur Last legen will.
Deine Idee einer tagesaktuellen Dokumentation kann ich nicht durchhalten, denn als Konsequenz verlangt dieser Ansatz für mich ein chronologisches Tagwerk, da darf also nichts dazwischenkommen. Jeder Bruch würde sofort als willkürliche Absicht Fragen nach sich ziehen, was sich „der Künstler dabei wohl gedacht hat“, so wie der eine kleine Fehler von Opalka, der oft genug eine größere Aufmerksamkeit bekam als sein Werk selbst.
Heute geht der belichtete Film aus der Contax ins Labor. Ich musste erst wieder eine klassische Fotoversandtasche bestellen, das war so herrlich anachronistisch, von Orwonet eine Bestätigung aufs Smartphone zu bekommen. Die aktuelle Renaissance der Analogfotografie hat – so meine These – vor allem mit dem Siegeszug der Smartphones zu tun, was angesichts ihres fast vollständigen Untergangs durch die Digitalfotografie paradox und unlogisch klingt. Hat für mich aber mehr mit der Suche und Sehnsucht nach Individualität in einer mittlerweile fast an ISO-Normen erinnernde Standards der Digitalmoderne zu tun, von der man glaubte, dass das Individuum sich gerade in digitalen Erlebnis- und Bildwelten widerspiegeln könnte.
Mit Mühe zurück zu Mühe: ich werde doch jedes Kästchen mit der Contax fotografieren, weil mich dieser konzeptuelle Ansatz von den Notwendigkeiten einer strengen chronologischen Sachlichkeit befreit und an seine Stelle die Sachlichkeit der strengen Form und Einzelbausteine des Werks setzt. Ich verlagere den Aufwand sozusagen.
Eine Leerstelle, die mir weiterhin noch fehlte, war die Brücke zu den bestimmenden Parametern der Digitalmoderne. Der Weltgeist spülte jetzt gerade eine abonnierte Mail von Deinem Blog herein, aber der Titel passt hier schon mal perfekt, es fehlte mir der Bezug zur „Digitalen Bildkultur“. Mir geht es um die Aspekte der Gleichzeitigkeit von Ereignissen, und zwar in Verbindung mit den Möglichkeiten der digitalen Veröffentlichung. Gerade Smartphone-Fotografie ist eine Art von Öffentlichkeitsfotografie, also genau der Gegenpol zur zeitlich extrem versetzten analogen Bildpraxis, bei der man erst nach Abgeben und Einschicken der Versandtasche, deren Entwicklungszeit und dem Abholen im Laden (und meistens alleine mit und bei sich) sah, ob die Bilder etwas geworden waren. Diese Überraschungsmomente in Drogerien oder Fotoläden sind ja nur mit der Analogfotografie möglich, untypisch war das schon in der Digitalfotografie mit der sofortigen Kontrollmöglichkeit, undenkbar sind solche subjektiven Momente jedoch in der Smartphone-Praxis, die wurden abgelöst von den vielen „Zeigen-Momenten“ ;-)
Ich habe ja eigentlich ein gestörtes Verhältnis zu Instagram. Gestern habe ich aber endlich eine Lösung für meine Leerstelle und gleichzeitig einen Sinn meines Insta-Accounts entdeckt, der für das Projekt geradezu perfekt geeignet ist als Ergänzung zur Contax-Ebene des Projektes: Ich wollte als Gegensatz zur Contax noch eine Handlungsebene mit dem Smartphone haben.
Ich habe im „Fokusmodus“ des Smartphones gestern Abend ein paar Fotos geschossen. In einer App konnte ich die Fotos auf ein Kästchen beschneiden und Mosaike erstellen und gleich auf Instagram-Bildgröße setzen, das ging ziemlich flott, ich schicke Dir das mal.
Diese Mosaike werde ich dann auf Instagram hochladen, vermutlich ohne jeglichen Zusatz, ohne weitere Hashtags, ich nutze diese Plattform sozusagen wie ein öffentlich einsehbares „live control panel“, damit hätte ich dann genau den „überwachenden Charakter“, wie Du das treffend genannt hast.

NP, 26.3.19
Zwischendurch habe ich auch einmal getestet, ob die geplante Zusammenstellung von rein digitalen Kästchen der Auschwitz-Paraphrase mit zusätzlich digital aufgenommenen Fotos des Mühe-Bildes eine sinnvolle Erweiterung der Auseinandersetzung generieren würde. Kann ich verneinen, da jede noch so randständige inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Sonderkommando-Foto auch immer ihre Instrumentalisierung bedeutet. Mittlerweile habe ich den (bislang noch vagen) Gedanken, dass die Dualität von Bildaufladung, bzw. Fetischisierung von Werken versus Tabuisierung ein inhärenter Bestandteil der Auseinandersetzung mit der menschlichen Wahrnehmung der von ihm geschaffenen Welt ist.
Digitale Diptychen werden also nicht umgesetzt. Wohl aber eine zweifache Dokumentation des Mühebildes, einmal als Analogmaterial, einmal als Smartphone-Fotos, wobei ich noch überlege, ob ich das tatsächlich bei Instagram veröffentliche oder ob ein Tumblr-Fotoblog nicht besser geeignet wäre. Diese Ebene ist mir wichtig, da Mühes konkretes Bild nicht alle Aspekte deutschnationaler-faschistischer Bildtraditionen übernimmt. Der schiefe Horizont mit seinem inszenierten Schnappschuss-Charakter wäre wie die durchgehende Tiefenschärfe und stark gesättigte Farben ohne den Siegeszug der Smartphone-Schnappschüsse nur eine von vielen möglichen Umsetzungsmöglichkeiten gewesen. Er hätte sich genauso gut auf Piktorialisten-Weichzeichnung berufen können, auf Schwarzweiß- oder Sepiakolorit oder auf die ursprüngliche Farbfilmästhetik der frühen Agfacolor-Filme der 30er Jahre. Diese Agfacolor-Ästhetik übernehmen fast alle Photoshop-Künstler wie Marina Amaral bei der Kolorierung von Schwarzweiß-Fotos, so bleibt bei aller "Modernität" immer noch das "Alte" sichtbar. Würden die Photoshop-Künstler aber die aktuelle Smartphone-Ästhetik übernehmen, würden wir diese kolorierten Fotos eher als "nicht authentische Fakes" wahrnehmen.


WU, 27.3.19
Du bist ja wirklich immer am Ausprobieren, Nachjustieren, Auf-den-Prüfstand-Stellen Deiner Konzepte. Diesmal stimuliert mich vor allem Deine Überlegung, das Mühe-Bild in seiner Genese auch mit Smartphone zu fotografieren und die Bilder dann online zu stellen. Ich finde es ausgezeichnet, dass Du die Fragen um das ‚richtige‘ Bild damit in den digitalen Raum hineinträgst und man dort gleichsam live verfolgen kann, wie das Bild entsteht. Zu überlegen wird sein, wie man den Followern erklärt, was genau da passiert. Wie man ihre Wahrnehmung vorbereitet und kontextualisiert.
Bis vor kurzem hätte ich ja noch klar für einen Tumblr-Account optiert, aber seit die sich selbst so verstümmelt haben mit ihrer Beschränkung auf Kinderinhalte und Filtern, die fast in jedem Bild einen ‚Erwachseneneninhalt‘ vermuten, ist wohl doch Instagram der bessere Ort. Außerdem sprengt die Zahl der Bilder den dort üblichen Rahmen, das fällt also viel krasser auf und wird sicher zum Thema. Twitter wäre parallel auch noch zu überlegen. Denn die Algorithmen dort manipulieren die Chronologie der Tweets nicht, Deine Follower bekommen also exakt mit, wenn es wieder ein Kästchen gibt. (Bei mir ist’s zumindest so, dass mir Instagram zum Teil Bilder als erste anzeigt, die schon zwei Tage alt sind, Twitter hingegen immer die aktuellsten Tweets.) Es wäre ja keine zusätzliche Arbeit, Instagram und Twitter zu kombinieren, für letzteres bräuchte man jedoch wohl einen eigenen Account.
Soweit mal diese kurze Anmerkung…


NP, 31.3.19
Du hast recht, ich justiere immer und ständig nach, stets auf der Suche nach dem Besseren. Es nimmt zwar Unmengen an Energie und Zeit in Anspruch, da viele Ideen während der ebenso häufigen Wiedervorlagen auch wieder im Äther verschwinden, aber dieses Vorgehen ist für mich deshalb umso wichtiger, je mehr Aufwand die Ausführung und Umsetzung als Bild in Anspruch nimmt. Ich glaube, dass es kein Zufall ist, sondern einer Gesetzmäßigkeit entspricht, dass die - vielleicht sogar unverhältnismäßig - große Sorgfalt bei der Planung und Konzeption die Grundlage für "das Richtige" ist, egal, um welche kulturellen oder künstlerische Leistungen es sich handelt. Es ist gleichzeitig mein Gegenpol zum Pathos des expressionistischen Mythos vom Genie.
Du hast mit Deinen Gedanken genau das angesprochen, was mich bei der Idee des Einbringens der Fotos in den digitalen Raum umtreibt, wie nämlich die Wahrnehmung und Rezeption kontextualisiert werden sollte, ja muss, da ich das Dilemma der unbedingt zu vermeidenden Totalverrätselung bei dieser Form der Rezeption als begleitendes ästhetisches Erlebnis zu lösen habe. Ich war mir nicht sicher, ob ich mir da zu viele Gedanken mache, gerade deshalb bin ich Dir sehr dankbar, dass Du Dich wieder einbringst und Deine Gedanken die dringende Notwendigkeit weiterer Gedanken sogar unterstreichen. Natürlich muss ich auch endlich eine kleine Website erstellen, wo ich meine bisherigen Werke zeigen möchte.
Einen separaten Twitter-Account hatte ich tatsächlich auch überlegt, mein privater Account umfasst ja auch viele satirische, private und kunstfremde Tweets, super, dass Du dieselbe Idee mit mir teilst! Bei Instagram würde ich ebenfalls einen ganz neuen Account eröffnen, da ich auf dem bisherigen eventuell auch mal Fotos jenseits der Smartphone-Fotografie zeigen will, so bin ich flexibel, einen separaten Kunst-Kanal zu haben. YouTube habe ich ja schon, da kann ich dann auch die Filmanimationen in HD-Qualität zeigen.
Also, DANKE für Deine Ideen!
Morgen geht es an die Auschwitz-Paraphrase, das ich ja jeglicher Begleitung entziehe - was auch deshalb passt, da es als angeeignetes Zeitdokument zumindest eine chronologische Begleitung in der Jetztzeit verbietet.


WU, 1.4.19
Wie schön, dass Du meine Bemerkungen zur Social Media-Verknüpfung Deiner Arbeit so gut aufnehmen kannst. Dann wird das ja eine wahrlich multimediale Angelegenheit. Und je präsenter die einen Bilder werden, desto markanter ist es andererseits, dass Du das Auschwitzmotiv ganz im Stillen malst, unbegleitet von einer Kamera und einem Publikum. Allein deshalb bekommt es den Charakter eines Kultbildes - nicht auf das Gesehen-Werden angelegt, sondern eine Geste des Gedenkens. Man sieht an diesem Projekt, welche neuen Möglichkeiten es für Künstler dank der Social Media gibt, das Zeigen und Nicht-Zeigen ihrer Werke und Werkprozesse gleichsam zu skalieren und so selbst zu einem wichtigen Teil des jeweiligen Gesamtprojekts zu machen.


NP, 2.4.19
Ganz großen Dank für Deine Bemerkung zur "Geste des Gedenkens", so ist es tatsächlich und damit hast Du etwas sehr Wichtiges angesprochen. Gedenken wird in der Digitalmoderne immer spektakulärer und vor allem öffentlich zelebriert. Man muss das gar nicht kulturpessimistisch bewerten, wohl aber kritisch: Gedenken als verordnete Teilhabe funktioniert so gut wie die Aufforderung zur Spontaneität. Es gab in den letzten Dekaden immer wieder Stimmen aus den kritischen Ecken der emanzipatorischen Linken bezüglich einer "Gedenkkultur", die ich teile und die, wie man täglich erkennen muss, nicht viel eingebracht hat. Ich betrachte es eher als Folklore denn als Kulturleistung. Im Gegensatz zur individuellen und damit ernsthaften wie selbstbestimmten Auseinandersetzung mit dem Objekt eines Gedenkens wird daraus eine öffentliche Veranstaltung als identitäres und soziales Erlebnis.
Ganz wichtig erscheint mir Dein Hinweis bezüglich des absichtlichen Nicht-Zeigens. Ich wunderte mich nämlich etwas, dass dieses Spannungsfeld der Möglichkeiten aus selbstverordneter Nichtteilhabe in einer Welt digital verordneter Teilhabe noch keinen Künstler auf den Plan gerufen hat. Es kann, ein immer zu beachtendes Prinzip im Design, daran liegen, dass die Versuche gescheitert sind oder nicht verstanden werden. Trotzdem war und bin ich überzeugt, dass diese "Digitaldialektik" für genau dieses Projekt relevant ist.


NP, 20.4.19
Die subtile, helle Farbgebung des Auschwitzmotivs ist natürlich schon eine echte Aufgabe, aber ich lasse mich auch nicht verleiten, einen Ton für mehrere Kästchen anzumischen, dadurch gibt es minimale Farbnuancen in den aus der Entfernung einfarbig wirkenden Bildbereichen. Einerseits bekommt das Motiv dadurch eine fast schon frivole Ästhetik, andererseits ist es aber doch so verfremdet, dass dieses Vorgehen dennoch als absichtliche Gedenkenbezeugung meinerseits erkannt werden kann und die Kritik an Mühes Ästhetik überhaupt erst erfahrbar macht. Mir ist während dieser Arbeit außerdem aufgefallen, was mich an Richters Birkenau-Zyklus ebenfalls stört: Dass er nicht nur die seit Jahren bewährte gleiche Optik seiner Bilder verwendet, sondern auch die gleiche und schnelle Machart mit billigen Farben, affizierenden Rakelspuren und flotten Retuschen.


WU, 23.4.19
Oh ja, es ist ein weiteres gewichtiges Argument gegen Richters Auschwitz-Zyklus, dass er sich nicht mal vom Werkprozess her etwas Spezifisches überlegt hat - sondern stur wie immer rakeln ließ. Auf dieses fast schon makabre Defizit machst Du mit Deinem Projekt ausgezeichnet aufmerksam!
Wir haben neulich übrigens Donnersmarcks Film „Werk ohne Autor“ angeschaut - und wenn Richter nicht selbst so dreist wäre, könnte man geradezu Mitleid mit ihm haben, da seine Biografie extrem manipuliert wird, damit das amerikanische Publikum eine möglichst pathetisch-kompakte ‚deutsche‘ Story geboten bekommt. Man fragt sich schon, was Donnersmarck da getrieben hat.


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