E-Mail-Dialog mit Wolfgang Ullrich


Teil 3


NP, 2.5.19
Es hilft bei Mühe nur, mit Mühe weiter Kästchen zu malen! Anbei ein schnelles Foto von gestern, das Licht ist heute auch nicht besser, aber die Lichtwellen der Tageslichtlampe machen ein Foto mit dem Smartphone unmöglich.

WU, 3.5.19
Danke für Deine Mail und für den ersten Einblick in das Mühe-Bild! Der Eindruck von Diesigkeit, der hier entsteht, ist ausgezeichnet. Und immer wieder erstaunlich, was für feine Nuancen Du hinbekommst. Und welche Übergänge dadurch entstehen.

 

NP, 12.5.19
Als ich neulich auf Twitter ein Foto der Farbpalette postete (der einzige Hinweis auf die Produktion des Birkenau-Motivs), habe ich beschlossen, die Palette, die ich täglich wechsle, auch in die Dokumentation des Mühe-Motivs aufzunehmen. Ich ärgerte mich nämlich, dass ich das nicht bei dem Birkenau-Bild von Beginn an tat. Das wird also ganz bewusst vor allem ein fotografisches Dokumentationswerk der Genese, das gleichrangig neben dem gemalten Werk als Endprodukt zu sehen ist. Ich weiß zwar nicht, ob es auch in der Rezeption so funktioniert, aber es spielt eine wichtige Rolle.
Meine Überlegungen gingen sogar so weit, dass ich mich selbst per Smartphone und/oder einer zweiten Digitalkamera beim Fotografieren des Mühe-Bildes mit der alten Contax-Kamera zeige. Vielleicht schräg von hinten, vielleicht auch eine Kamera direkt vor dem Bild, das mich frontal zeigt, und dann am besten mit einem noch zu überlegenden Mechanismus, dass ich mit einem Kabelauslöser, der schon bei der Contax vorhanden ist, auch diese anderen Kameras auslösen könnte. Ich würde dann sozusagen ein Foto von mir selbst als Künstler machen, der ein Gemäldeausschnitt fotografiert, ein Foto von mir als einem fotografierenden Selbst (sowas wie ein Dokumentations-Selfie) und ein Analogfoto des Gemäldeausschnitts.

 

WU, 17.5.19
Ich finde es großartig, dass Du immer noch weitere Parameter der Selbstdokumentation Deiner Arbeit entwickelst. Das impliziert ja auch die gesamte Ambivalenz von Transparenz - es geht also zugleich um (Selbst)kontrolle, Überwachung und um Sichtbarkeitsimperative. Zugleich suggeriert die umfassende Dokumentation, man könne erfassen, worin ein künstlerisches Werk besteht - und damit ist Dein Konzept noch in weiterer Dimension eine Kritik am Künstler- und Geniemythos. Stellen schon die Kästchen eine Ernüchterung für jedes Pinselschwingerpathos dar, so erst recht die Fotos und anderen Dokumente, die Du erstellst. Und das passt wiederum zu der Grundthese, dass ein Fotograf viel weniger für ‚seine‘ Fotos verantwortlich ist als diejenigen, die seinen Fotoapparat konstruiert und programmiert haben. Es ist toll, wie das immer wieder alles zusammengeht und zugleich immer noch schlüssiger wird.


NP, 4.6.19
Ich habe zwei Sony-Kameras, deren Displays in einen Selfie-Modus geklappt werden können. Wenn ich mich selbst beim Fotografieren aufnehme, ist das zur Bildkontrolle natürlich erheblich komfortabler als eine ständige Bildkontrolle im Nachhinein.
Ich weiß noch nicht genau, ob ich mit der Kamera vielleicht kurze Videos mache. Die Gleichzeitigkeit der Auslösung von Digitalkamera und analoger Contax-Kamera ist als Standfoto kaum möglich, zumindest nicht evident "beweisbar". Außerdem ist die ursprünglich angedachte Gleichzeitigkeit der Dokumentation jedes Kästchens schon jetzt konzeptuell gebrochen, da ich auch das Sucherfenster abfotografiere. Diese chronologischen Schritte einer Fotodokumentation ließen sich aber für jedes Kästchen in Videosequenzen einfangen, als Videodokumentation der Fotodokumentation. Es gäbe nach meiner derzeitigen konzeptuellen Vorstellung folgende Schritte mit einem "Werk" je Kästchen:
- Digitalfoto vom Sucherbild
- Analogfoto vom gemalten Kästchen
- Digitalfoto von der Palette (die sich ja partiell parallel zum entstehendes Gemälde verändert und sich gleichfalls für eine schrittweise Dokumentation eignet)
- Videodokumentation dieser Schritte
- Digitalfoto des gesamten Dokumentationsaufbaus, auf dem man dann auch die Videokamera sieht
Die entwickelten und eingescannten Negative aus der Contax werde ich als Kontaktabzüge eventuell nicht auf Papier, sondern auf druckbaren Transparentfolien abziehen, die dann wie große Schwarzweißdia-Positive präsentiert werden können. Hintergrund ist dabei auch die Wirkung der Ausschwitz-Paraphrase als projiziertes Dia, das immer noch die Latenz als Lichtbild zeigt, das als physisches Objekt ein Gegenlicht zur Sichtbarmachung benötigt. Es gibt zwar Diabetrachter, aber keine Abzugbetrachter. Das Licht des Monitors als Voraussetzung für Digitalisate steht für mich dazwischen, deren Wahrnehmung und Rezeption eher mit Abzügen auf Hochglanzpapier zu vergleichen ist.
Genese ist vermutlich mein eigentliches Thema als Bildkritik. Das war übrigens schon früher so, vermutlich hat mich deshalb auch Restaurierung und Maltechnik immer interessiert.


WU, 4.6.19
Das ist ja wirklich eine ganze Menge, wobei ich es sehe wie Du: Die Analyse der Genese ist eine Form der Bildkritik! Umso wichtiger ist jedoch, dass man von vornherein genau weiß, wie man die verschiedenen Formate an Dokumentationsmaterial letztlich präsentiert. Welche werden online verfügbar sein, welche nur im Rahmen einer Ausstellung, welche vielleicht gar nie? Da habe ich vielleicht auch nur den Überblick verloren, aber es wäre gut, das nochmal genau Format für Format zu bestimmen. Das Thema des Zeigens und Verbergens setzt sich ja auf der Ebene des Ausstellens/Publizierens fort.


NP, 10.6.19
Ja, ganz wichtig sind begleitende Prozesse rund um das Mühe-Motiv. Ich habe ein paar Tage darüber nachgedacht und stimme Dir absolut zu, dass es am besten wäre, von vornherein genau festzulegen und einzugrenzen, was am Ende wo und wie präsentiert wird, bzw. eben nicht gezeigt, sondern verborgen wird.
Der Aspekt der fotografischen Dokumentation einer Genese hat sich in meiner Arbeit konkret erst mit Deinem Opalka-Hinweis als Bestandteil der Bildkritik hinzugesellt und konzeptuell bei dem Mühe-Bild nahezu in eine Übererfüllung maximal möglicher Dokumentationsmittel gesteigert.
Deshalb der Konjunktiv in meinem Satz "dass es am besten wäre, von vornherein genau festzulegen und einzugrenzen": Ich glaube, ich kann eher damit leben, am Ende nur die Hälfte von dem zu zeigen, was ich gemacht habe, als zu denken "ach, hätte ich mal…"
Im Vergleich zu den gut 13.000 Kästchen bei den Siegerkunstbildern halten sich die 1.936 Kästchen beim Mühe-Bild in Grenzen, entsprechend sind auch im Nachhinein zu verwerfende "flankierende Maßnahmen" der Genese zu verschmerzen. Nach ersten Versuchen im Vorfeld, spätestens mit Beginn der Arbeit ist es dann aber so weit, wie Du schreibst: Dann sollte feststehen, was parallel, was im Anschluss und was in der Ausstellung zu sehen sein sollte. Was ich mir so konzeptuell ausgedacht habe, muss sich außerdem erst einmal im Arbeitsprozess beweisen, es kann gut sein, dass sich da noch einiges ändert oder gar verworfen werden muss.

WU, 13.6.19
Ich finde es gut, wenn Du beim Mühe-Projekt erstmal alle Varianten der Dokumentation gleichzeitig startest - und dann ggf. im weiteren Verlauf entscheidest, was wegfallen kann oder was seine Qualität gerade dadurch gewinnt, dass es zwar existiert, aber nicht gezeigt wird. Vermutlich wird sich die Situation des Malens deutlich verändern, wenn es von so viel anderen Bildprozessen begleitet und unterbrochen wird. Ich bin gespannt, wie Du die Arbeit dann selbst erlebst.


NP, 14.6.19
Ich hatte z.B. überlegt, ob ich mich selbst beim Malen abbilde, ich will den Malprozess aber als einen ganz intimen, handwerklichen Akt für mich behalten. Damit bleibt auch er versteckt und verborgen. Nicht als Mysterium, sondern als Statement, eben nicht das Offensichtlichste eines so beliebten wie wohlfeil-blöden "work in progress" als unbedeutendsten Bestandteil meiner Arbeit zu verbergen. "Dem Künstler über die Schulter schauen", entspricht den üblichen Erwartungen, allein deshalb will ich das nicht.
Ja, und ich bin ebenfalls gespannt, wie ich die Arbeit selbst erlebe, bei der der eigentliche Malprozess vollkommen in den Hintergrund rückt, hingegen die dokumentierte Dokumentation den eigentlich relevanten Raum der Bildkritik einnimmt. Wie beim verborgenen Malprozess spielt auch hier die nicht vorhandene Gleichzeitigkeit eine Rolle. Am Ende gibt es nicht nur ein fertiges Werk als klassisches Bild zu sehen, auch die Fotos und Videos entstehen nach dem Malprozess jedes Kästchens.
Vielleicht wäre noch ein tägliches Selfie interessant, in Anlehnung an Opalka.


NP, 23.7.19
Ich habe die letzten Tage dann doch noch sehr viel an Vorbereitung erledigt, das Ganze entwickelt sich zu einer Art Multimediaprojekt mit insgesamt 9 Kameras, drei für Filmsequenzen, drei für Digitalfotos und natürlich die analoge Contax. Da der kleine Atelierraum eingebunden ist, habe ich das Gursky-Bild nach oben gebracht und das Birkenau-Motiv vor den Blicken der Betrachter mit einem Blatt Zeichenpapier abgehängt. Etwas länger habe ich mit der "Klappe" beschäftigt, ein simples Stück Papier für jedes Kästchen in die Kamera zu halten, war mir zu profan, wenn schon Aurazerstörung, dann ordentlich ;-) Also habe ich ein simples Stecksystem mit dickem Papier ersonnen, das erstens ressourcenschonender ist, zweitens mehr hermacht. So kann ich auch die Palette später jedem Kästchen zuordnen, um nicht durcheinanderzukommen. Von Video hatte ich null Ahnung, nach ein paar Stunden YouTube-Tutorials nun immerhin ein ganz klein wenig, aber das wiederum ist mir egal. Da steht für mich die Idee im Vordergrund, alles selbst zu machen und trotzdem nicht in Erscheinung zu treten.
Anbei sende ich Dir ein paar Impressionen und ein Testfoto der Palette (noch mit Gursky-Farben Schwarz und Weiß) mit der Klappe. Ein Foto zeigt zwei Kameras auf einem Stativ, eines zeigt auf die Leinwand in extrem spitzen Winkel, dass man später nur meine Hand mit dem Pinsel sieht, der ein Kästchen (vermutlich nur eine kurze Sequenz) malt. Die andere Kamera ist auf die Contax gerichtet, dort sieht man dann ebenfalls nur meine Hand beim Betätigen des Auslösers und Weiterdrehen des Spulknopfes. Diese Videos mit den entsprechenden Geräuschen werden die einzigen mit Tonaufnahme sein.
Da das Bild vom Bild auch ein Bild werden kann, habe ich einen entsprechenden Aufbau gestaltet und kann dann immer noch entscheiden, wann, wie und welche Fotos ich wo zeigen will. Ich hatte vor Tagen schon die Idee, mit einer mobilen Kamera auf den Sucher der Contax zuzugehen, den Betrachter also digital teilhaben lasse an meinem Vorgehen beim Fotografieren auf Analogmaterial. Das habe ich dann auf den Aufbau selbst ausgeweitet und das Testvideo in zwei verschiedenen Fassungen auf meinem YouTube-Kanal hochgeladen. Einmal in Farbe, einmal in monochromen Tönen, die ungefähr die Anmutung des späteren Mühebildes haben.

Welches Video gefällt Dir besser bezüglich der Wahrnehmung des Inhalts? Ich tendiere zwar ein wenig zu monochrom, aber total sicher bin ich mir nicht, deshalb würde ich mich sehr über Deine Meinung freuen!

WU, 24.7.19
Eindeutig bin ich, was die Videos anbelangt, ebenfalls für die monochrome Version - sie passt gleichsam zur ‚corporate identity‘ des Mühe-Projekts. Auch das Stecksystem gefällt mir sehr gut, durch die jeweils auszutauschenden Zahlen wird bewusster, wie viele Kästchen - also Arbeitsschritte - es sind, man spürt besser den Verlauf, die Abfolge, als würde immer nur ein (neuer) Zettel mit einer einfachen Zahl vor die Kamera gehalten.
Mir scheint also, Du bist bestens vorbereitet. Nicht ganz einfach wird es sein, all die Stative ortsfest zu belassen und nichts durcheinanderzubringen.


NP, 24.7.19
Stimmt, monochrom ist eindeutig besser, danke für Deine Bestätigung! Ich habe das Ganze nun um einen Titel und Untertitel ergänzt, wobei ich noch lange über den Titel nachdachte.
Dein ganz wichtiger und völlig berechtigter Gedanke zur Anordnung der Stative hatte mich natürlich auch beschäftigt. Deshalb berührt ein Stativbein den Fuß der Tageslichtlampe an einer Stelle, die ich markiert habe. Ich bewege nämlich aus Platzgründen nicht die Staffelei, sondern die Lampe, je nach Beleuchtung der zu bemalenden Kästchenflächen. Das Stativ der hinteren Kamera liegt wiederum genau in der Flucht des vorderen Stativs und der Abstand wird durch das manuell zu fokussierende Objektiv bestimmt, dessen Fokusbereich ich mit einem Klebeband fixiert habe. Dadurch gibt es eine fixierte Tiefenschärfendistanz, die Feinausrichtung geht dann sehr schnell, da das Bild immer den gleichen Ausschnitt zeigen soll.
Natürlich wird es keine perfekten Kopien der Fotos und Videos geben, die sich nur anhand des gerade aktuellen Kästchens unterscheiden würden. Die kleinen, wahrnehmbaren Fehler korrespondieren aber mit den Fehlern der gemalten Kästchen. Diese subtilen, nicht so offenkundigen Differenzierungen sind mir sogar wichtig, weil sie das Gesamtprojekt immer noch als menschliche Arbeit wahrnehmbar machen sollen, die sich ganz bewusst von einer rein digitalen oder auch technisch perfekten Arbeit unterscheidet.


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