Dokumentation des Projekts

I. Einführung

Die begleitenden Foto- und Videodokumentation meiner Kreidefelsen-Paraphrase ist neben dem Gemälde der konzeptuell wichtigste Teil meines Projektes. Diese Einführung soll eine kurze Zusammenfassung aller Überlegungen, Entscheidungen und Änderungen während der Dokumentationsphase wiedergeben. Ausführlich ist das hier im Mail-Dialog mit Wolfgang Ullrich nachzulesen, der am 18. November 2018 begann und am 06. Juni 2020 endete.

Schon zu Beginn der Konzeption hatte ich geplant, die Arbeit an der Paraphrase von Andreas Mühes Werk Kreidefelsen dokumentarisch zu begleiten, sowohl fotografisch als auch filmisch. Ich hatte für das Gemälde zunächst am Computer Mühes Werk und das Sonderkommando-Foto aus Auschwitz als Vorlagen in der für meine Arbeit typische Rasterung in 1 x 1 cm große Kästchen gebracht. Das Gemälde soll Mühes Werk kritisch in Augenschein nehmen, daher der von mir gewählte Begriff der Autopsie im Projekttitel.

 

Die Paraphrase des Sonderkommandos blieb undokumentiert und das Gemälde selbst verborgen. Die Hintergründe sind unter dem Menüpunkt „Pathos als Problem“ nachzulesen.

Malvorlage für die Kreidefelsen-Paraphrase
Vorlage für die Kreidefelsen-Paraphrase auf dem Gemälde

Mit der konsequenten Dokumentation des Entstehungsprozesses des Bildes wollte ich dem Wesen des Fotos als Artefakt und Original mit unterschiedlichen Objektiven an meinen vorhandenen Kameras eine größere Evidenz verleihen. Das begleitende Dokumentationsprojekt bezeichne ich als Autopsie, es soll mit rund 80000 Fotografien und 5000 Videoclips sowohl festgelegte Gesetzmäßigkeiten als auch das Potenzial der Entscheidungsfreiheit in der Fotografie offenlegen. Dieser Parameter des fotografischen Abbilds als Artefakt hat sich auch Mühe in seiner fotografischen Inszenierung des Kreidefelsens bedient.

 

Mit nur einer Kamera, beziehungsweise einem Objektiv wäre dieses Anliegen gerade nicht evident genug gewesen, da hier die Kontingenz nur einer möglichen Variante der fotografischen Abbildung entstanden wäre. Ich startete das Projekt mit insgesamt 13 Digitalkameras aus den Jahren 2010 bis 2016. Die beiden ältesten Apparate waren zwei digitale Spiegelreflexkameras von Olympus, alle weiteren waren spiegellose Sony-Systemkameras. Dazu kam noch eine analoge Zeiss Ikon Contax III von 1940 oder 1942.

Contax III-Kamera mit Messsucheraufsatz und Vorsatzlinse für Makroaufnahmen
Contax III-Kamera mit Messsucheraufsatz und Vorsatzlinse für Makroaufnahmen

Für die Dokumentation der Bildgenese auf Schwarzweißfilm war diese Contax-Messsucherkamera ein zentraler Bestandteil meiner Kritik: eine Hochleistungskamera, die in Dresden gebaut wurde, als die Welt bereits in einem durch NS-Deutschland angezettelten Weltkrieg stand. Ein wichtiger Aspekt war die Tatsache, dass diese Kameras von Zeiss-Ikon gebaut wurden, solange noch sogenannte „Rüstungsjuden“ beschäftigt waren, bevor auch sie Ende 1942 zunächst in das Lager Hellerberg am Nordrand Dresdens gebracht und von dort im März 1943 ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert wurden. Nur zehn der jüdischen Belegschaftsmitarbeiter überlebten Auschwitz.

Neben dem Malprozess der insgesamt 1936 Kästchen sollte jeweils der Moment der analogen Aufnahmen mit der Contax-Kamera filmisch festhalten werden. Anschließend folgte ein Foto von der Durchsicht durch den originalen Makro-Aufsatz der Contax. Eine weitere Kamera war vorgesehen, jeweils ein Foto von der Malpalette zu schießen. Dieses Vorgehen formulierte ich in einem stichwortartigen Skript, das ich ausgedruckt griffbereit hatte. Alle weiteren Kameras waren dazu gedacht, anschließend fotografische Schnappschüsse des Aufbaus, Makros, Details oder Totale aufzunehmen. Hier sollte es eher ein freies Spiel mit der jeweiligen Situation werden, ich hatte kein festes Vorgehen geplant, auch nicht bezüglich Anzahl der Auslösungen pro Kamera oder der verwendeten Objektive. Gerade dieses Konvolut, von mir intern als „externe Kameras“ bezeichnet, wurde im weiteren Projektverlauf immer relevanter für mein Vorgehen.

Aufbau mit Kameras und Stativen vor der Staffelei mit dem Gemälde
Aufbau der Kameras unmittelbar vor Beginn der Arbeit an der Kreidefelsen-Paraphrase

Bei dem begleitenden Dokumentationsprojekt handelte es sich nicht um einen schrittweisen, nach festen Parametern ablaufenden Prozess, sondern um eine Abfolge kurzfristiger Entscheidungen, die Ideen und Überlegungen mit hoher Kontingenz beinhalteten. Die Entscheidungen waren nicht wie bei dem Gemälde eine Umsetzung genau geplanter Vorgaben, sondern eher wie der Akt des Fotografierens mit aus der Kontingenz heraus getroffene Entscheidungen, die auch ähnlich oder ganz anders hätten sein können. Das Projekt entwickelte somit autopoietische Merkmale eines sich ständig selbsterschaffenden und selbsterhaltenden Systems.

 

Die gesamte Sammlung der Flickr-Alben zum Projekt ist hier zu sehen.