Projektdokumentation: Flickr-Alben

Screenshot von Flickr-Alben
Screenshot der Flickr-Alben zu den ersten 20 Kästchenreihen

Album 1: Contax Spiegelbild Malprozess

Durchsicht durch die Contax auf ein Smartphone, das den Malprozess wiederspiegelt
Durchsicht durch die Contax auf ein Smartphone, das den Malprozess wiederspiegelt

Die Filmbelichtung alter Contax-Kameras erfolgt nicht über einen horizontal laufenden Tuchverschluss, sondern über einen vertikalen Lamellenverschluss, der durch Seidenbänder gehalten und transportiert wird. Nach etwa 60 Fotos bemerkte ich, dass die Aufzüge des Verschlusses defekt und die 80 Jahre alten Seidenbänder gerissen waren. Da ich das Stativ an der Staffelei möglichst genau ausgerichtet hatte, nahm ich als Ersatz eine sowjetische Contax-Kopie. Die Sowjetunion hatte nach dem Krieg die Contax- und Zeiss-Fertigungslinien als Reparationsleistungen aus Dresden und Jena nach Kiew verbracht und dort modifizierte Kopien unter der Bezeichnung „Kiev“ hergestellt. Das Zeiss Sonnar-Objektiv der Contax passte somit auch auf die Kiev, lediglich der Messsucheraufsatz musste anders ausgerichtet werden, was in der Folge zu vielen unscharfen Analogfotos führte. Die Unmöglichkeit einer perfekten Kontrolle angesichts der noch zu entwickelnden Negative und damit die Möglichkeit von Belichtungsfehlern habe ich dann bei allen Bemühungen um eine möglichst genaue Antizipation der Ergebnisse als wichtigen Teil des Projektes in Kauf genommen.

Da die Contax ein wichtiger Teil des konzeptuellen Ansatzes war, diente eine weitere verfügbare Digitalkamera dazu, rückseitig durch den kaputten Verschluss der Contax ein Foto des Malprozesses aufzunehmen, die ich mit der Zeiss-Kopie einer sowjetischen Kiev ausstattete und auf mein ausgeschaltetes, schräg gestelltes Smartphone richtete. Das Smartphone spiegelte die Szenerie an der Staffelei wieder und passte zu meinem ursprünglichen Vorhaben, die entstehenden Fotos sukzessive auf Instagram zu zeigen. Die Spiegelung als vermeintliches Foto auf dem Smartphone-Display erschien mir als Metapher zu meiner These der artifiziellen Existenz der Fotografie schon zu Beginn angemessen. Dieser Aufbau blieb bis zum Ende des Projektes bestehen, wenn auch mit einem Austausch des Smartphones als Spiegelersatz durch ein altes Objektiv, nachdem ich mich gegen Instagram und für Flickr als ausschließliche Plattform entschied.

Album 2 + 3: Malpalette

Palette Aufsicht
Palette Schrägansicht

Das Album zeigt anfangs noch Probleme in der Routine, nach jedem gemalten Kästchen je eine Aufnahme anzufertigen. Ab der sechsten Kästchenreihe verwendete ich für die Dokumentation der Malpalette zusätzlich eine Kamera mit lichtstarkem Objektiv in der Naheinstellgrenze, das eine sehr geringe Tiefenschärfe auf den Fotos erzeugt. Im Gegensatz zu den Fotos in Album 2 mit rein dokumentarischem Charakter in der Aufsicht wollte ich in Album 3 bei identischem Motiv ein entgegengesetzte Bildästhetik schaffen, die eine Heterogenität aus Schärfe, Unschärfe und Perspektivwechsel erzeugt und damit auch eine andere Rezeption affiziert als die aus der Senkrechten erstellten Fotos.

Album 4: Sucherbild

Durchblick in das Fenster des Messsucheraufsatzes
Durchblick in das Fenster des Messsucheraufsatzes

Das leicht orangefarbene Schnittbild des Sucheraufsatzes zeigt den genauen Fokuspunkt bei korrekter Ausrichtung zum fotografierten Objekt. Durch den geringen Abstand von etwa 3 cm des Kameraobjektives zum sehr kleinen Fenster des Messsucheraufsatzes verschwindet bei Blende 8 der Messsucheraufsatz selbst in der Unschärfe. Bei den ersten drei Kästchenreihen habe ich gelegentlich das Konzept brechen wollen und fotografierte aus verschiedenen Perspektiven und mit unterschiedlichen Abständen zum Aufsatz. Nach der Durchsicht der Fotos wurde klar, dass dieses vermeintliche Brechen des Konzeptes ebenfalls eine Form der Wiederholung und damit nur ein neues Konzept generierte. Ich beschloss deshalb, die Fotos in der ursprünglich geplanten Form weiterzuführen.

Album 5: Analogfotos

Digitalisat des ersten Negativfotos
Digitalisat des ersten Negativfotos

Die mit der Contax und dann mit der Kiev gemachten Schwarzweiß-Fotos habe ich über ein Großlabor entwickeln lassen, aber bewusst erst nach Abschluss des Projektes geprüft. Ein bekanntes Problem der Kiev-Kameras sind Fehlertoleranzen, die vor allem nach Jahrzehnten zu unerwünschtem Lichteinfall und einem fehlerhaften Transport des Films führen können, beides tritt auch auf meinen Negativen auf. Fehler sind so alt wie die Fotografie selbst, konzeptuell waren sie für mein Projekt ein entscheidender Aspekt. Sie zeigen sich unbeabsichtigt im Filmstreifen der Sonderkommando-Fotos und beabsichtigt im schiefen Horizont von Mühes Kreidefelsen-Foto. In meinem Projekt bilden unbeabsichtigte Fehler deshalb einerseits einen Gegenpol zu dem klar und perfekt inszenierten Kreidefelsen von Mühe, andererseits aber auch zu den Fotos meiner modernen, von Algorithmen gesteuerten Digitalkameras ohne Fehlertoleranzen.

 

Mit meinem professionellen Diascanner hätte die Digitalisierung der rund 2000 entwickelten Negative mindestens zwei Wochen benötigt. Ich verwendete deshalb eine Digitalkamera mit Makroobjektiv und fotografierte die auf einen Leuchttisch gelegten Negativstreifen ohne Stativ ab. Hier habe ich Qualitätstoleranzen des abfotografierten Filmmaterials durch unterschiedliche Planlage und Änderungen bei Abstand und Winkel der Kamera zu den Negativen ganz bewusst in Kauf genommen. Da ich wusste, dass die Ergebnisse auf Grund des Seitenlayouts von Flickr-Alben wie ein riesiger Kontaktabzug aussehen würden, wollte ich mit diesen subtilen Fehlern und Unterschieden bei der Aufnahme jedes Negativs auf den Charakter des Filmmaterials als fotografierte Artefakte hinweisen, denn in der Rezeption von Kontaktabzügen wird eher auf inhaltliche und qualitative Aspekte der Bildinhalte– also auf das entwickelte Negativbild als Fakt – als auf das Material als Träger des Bildes selbst geachtet.