Porträts

Neben themenbezogenen Projekten beschäftige ich mich seit 2016 auch mit Porträts. Kaum ein anderes Themenfeld bietet in der Umsetzung als gerastertes Bild ein ähnlich großes Spektrum der Wahrnehmung zwischen Erkennbarkeit und Abstraktion wie das Porträt als artifizielle Präsenz des menschlichen Subjekts.

 

Nicht nur unsere physiologischen Wahrnehmungsprozesse sind darauf ausgelegt, ein Gesicht zu identifizieren. Moderne Kameras werden bei dem (weiter unten) gezeigten Porträt von Annekathrin Kohout automatisch den Fokus auf den Bereich des Gesichts und/oder der Augen legen.

 

Die Rasterung eines menschlichen Gesichts wird aber auch verstörend wahrgenommen. Neben dem Wunsch, ja Drang, ein Gesicht identifizieren zu wollen, wird hier die Konvention der Bildzensur und des Persönlichkeitsrechtes evident: das absichtliche Verbergen des Gesichts durch „Verpixelung“, die in seriösen Bildberichterstattungen praktiziert wird.


Porträtparaphrasen: Wolfgang Ullrich

Zu den ersten Werken überhaupt, die ich im Stil der Pixel-Paraphrasen umsetzte, gehört das Bild meines Freundes Wolfgang Ullrich aus dem Jahr 2016 nach einem Porträtfoto. Die Vorlage habe ich digital erstellt und vom Display meines Smartphones abgemalt. Die Strenge der im Foto angelegten Komposition wird durch die Rasterung verstärkt, gleichzeitig löst sich der Figur-Grund-Kontrast weitgehend auf. Das Bild gehört dadurch bis heute nicht nur zu meinen persönlichen Favoriten, es führte auch zu weiteren Paraphrasen der Vorlage.

Gemälde Wolfgang Ullrich
Porträt Wolfgang Ullrich, 24 x 30 cm, Öl auf Leinen

Ausgehend vom ersten Bild habe ich bis 2018 drei weitere Varianten umgesetzt, um die Eigenschaften des gemalten Artefakts einer Vorlage auszuloten und die Wahrnehmung der artifiziellen Präsenz einer fotografierten Person in ein differenziertes ästhetisches Erlebnis zu transformieren.

Alle vier Varianten des Porträts
Alle vier Varianten des Porträts (Foto: privat)

Meta-Artefakt: Annekathrin Kohout

Als Auftragsarbeit entstand 2017 das Porträt nach einem Foto, auf dem die Medienwissenschaftlerin vor einem hinter Glas gerahmten Foto steht, das den Reflex des Blitzlichtes zeigt. Von möglichen Varianten des Ausschnitts blieb am Ende das Porträt im Goldenen Schnitt, der durch den hellen Lichtreflex gebrochen wird.

 

Da ich die Vorlage auf einem Tablet hatte und die Arbeit sowohl in natürlichem Tageslicht als auch mit einer Tageslichtlampe stattfand, führten die Unterschiede der Farbtemperaturen zu subtilen Differenzierungen in einzelnen Kästchenreihen, die bewusst unretuschiert blieben und den Charakter als gemaltes Artefakt hervorheben.

Gemälde Annekathrin Kohout
Porträt Annekathrin Kohout, 32 x 42 cm, Öl auf Leinen
Verschiedene Varianten
Verschiedene digitale Varianten und Endfassung

Ferner Büchergruß: Bazon Brock

Als kritische Hommage an den „Denker vom Dienst“ ist dieses Porträt aus dem Jahr 2019 gedacht, das die in den Tonwerten reduzierte Version eines Negativs des Covers von Brocks Buch „Theoreme“ zeigt.

Gemälde Bazon Brock
Porträt Bazon Brock, 32 x 42 cm, Öl auf Leinen
Gemälde mit invertierten Farben
Gemälde mit invertierten Farben

Es gibt nur wenige Theoretiker, die mich seit den 1980er Jahren so zum Nachdenken brachten wie Bazon Brock, aber garantiert niemanden, dessen Thesen und Auffassungen ich mit einem größerem Spektrum aus Zustimmung, Kritik und Ablehnung begegnete.

Widmung im Buch „Theoreme“
Widmung im Buch „Theoreme“