Wagneriaden

Im Jahr 1862 schuf der Künstler Cäsar Willich ein Porträt des Komponisten Richard Wagner, das sich heute in den Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim befindet.
Eine Abbildung findet sich bei Wikimedia.

Screenshot der Wikimedia-Seite
Screenshot der Wikimedia-Seite

Unterhalb des Bildes wurde ein Infokasten ergänzt:
„Warnhinweis aus aktuellem Anlass – Gegen die Verwendung auf Wikipedia und Commons haben sich die Reiss-Engelhorn-Museen, Mannheim, mit ihren beim Landgericht Berlin gegen die Wikimedia Foundation und beim Bundesgerichtshof (Vorinstanz:Landgericht Stuttgart), Urteil vom 20. Dezember 2018, Az. I ZR 104/17 - Museumsfotos gegen den betreffenden Wikipedia-Autor erfolgreichen Klagen gewandt. Die Reiss-Engelhorn-Museen könnten auch gegen andere Nachnutzer dieses Bildes vorgehen. Bei der Nutzung dieses Bildes auch außerhalb Commons ist daher Vorsicht geboten.“

 

Natürlich wird auf der Wikipedia-Seite nicht das Gemälde gezeigt, sondern ein Digitalisat. Auch wenn das Urheberrecht des ausführenden Künstlers 70 Jahre nach seinem Tod endete, wurde die Abbildung Gegenstand eines Rechtsstreits. Im Jahre 2015 haben die Reiss-Engelhorn-Museen insgesamt 49 Nutzer*innen, die diese Abbildung auf ihren Websites verwendeten, wegen Urheberrechtsverletzung abgemahnt. Die Reiss-Engelhorn Museen argumentierten mit dem Urheberrecht des Hausfotografen, der eine Reproduktionsfotografie des Gemäldes für einen Katalog angefertigt hatte, das von einem Wikipedia-Nutzer eingescannt und als Digitalisat bei Wikipedia hochgeladen wurde. Rechtsgrundlage war hier der zu Recht umstrittene § 72 UrhG [1] und damit die Besonderheit des Schutzes von sogenannten Lichtbildern ohne künstlerische Schöpfungshöhe, der 50 Jahre nach Erstveröffentlichung wirksam bleibt. Um ihren Herrschaftsanspruch an der Nutzung der Abbildung zu festigen, bringen die Reiss-Engelhorn-Museen zudem ein Fotografieverbot mittels Hausrecht in Stellung.

 

Die Legitimation dieser Praxis durch den BGH [2] verhindert die Zugänglichkeit von Abbildungen eines längst gemeinfreien Gemäldes und gefährdet daeüberhinaus die grundsätzliche digitale Zugänglichkeit aller urheberrechtsfreien Artefakte. [3] [4]

 

Die Causa Wagner offenbart nicht nur einen neo-feudalistischen, ja absolutistischen Herrschaftsanspruch eines Museums über die Instrumentalisierung des Eigentumsrechts gegen den Zugänglichkeitsanspruch der Öffentlichkeit und gegen Richtlinien der Museen. [5]

 

Zu dieser Causa gibt es verschiedene Projekte, einiges ist noch geplant. Dabei geht es mir weniger um eine Kritik an den rechtlichen Grundlagen selbst, sondern um die inhärenten Topoi dieser Rechtsauffassungen, die Fragen nach Originalität, Technik, auratischen Aufladungen und dem Charakter von Reproduktionen aufwerfen.


Ein Wagner für Wikimedia

Das erste Projekt war Ende 2017 ein Gemälde. Ich rasterte das von den Reiss-Engelhorn abgemahnte Wikimedia-Digitalisat in 2 x 2 cm große Flächen in einem Gesamtformat von 80 x 60 cm. Um die Wahrnehmung als abgemaltes Pixelbild zu brechen und den Charakter eines gemalten Bildes hervorzuheben, habe ich die Farbe mit einem Holzstäbchen aufgetragen und so eine dreidimensionale Faktur der Malfarbe geschaffen. Das Bild sollte nach Fertigstellung bewusst Wikimedia gestiftet werden.

Gemälde
„Wikimediawagner“ (Ausschnitt), Öl auf Leinen, 80 x 60cm

Ursprünglich beabsichtigte ich keine offizielle oder feierliche Übergabe, diese Solidaritätsaktion wollte ich nur auf meinem Blog veröffentlichen. Das Bild erreichte die Wikipedia Foundation rechtzeitig für eine Ausstellung im Zuge einer Tagung im ZKM Karlsruhe Ende Mai 2018 mit dem Titel „Wem gehört die Kunst?“.

Seitdem hängt das Bild im Deutschlandbüro von Wikipedia.

Mein Wagner-Gemälde im Foyer des ZKM, Mai 2018
Der ausgestellte Wagner im Foyer des ZKM, Mai 2018
Das Gemälde im Deutschlandbüro von Wikipedia
Der Wagner im Deutschlandbüro von Wikipedia

Mein Text erschien über Umwege etwas später im Blog des Marta Herford, wo am 14.-15. September 2018 auch ein Symposion zum Thema Bild- und Urheberrechte stattfand, zu dem ich für eine Podiumsdiskussion am ersten Tag ebenfalls geladen war. [5] [6] [7]


KI-Wagner

Unmittelbar nach Fertigstellung des Wagner-Gemäldes arbeitete ich konzeptuell an weiteren Projektideen zur Causa Wagner, die ich lediglich grob festgehalten hatte. Für die Idee eines abgemalten Digitalfotos der Wikipedia-Seite existierten bereits einige Schnappschüsse vom Monitor.

Mir fiel dabei auf, dass die Fotos meines Google Pixel-Smartphones das Gemälde erheblich schärfer und leuchtender wiedergaben als die Aufnahmen mit meiner Vollformatkamera und einem guten Objektiv. Die KI des Smartphones optimierte, ja perfektionierte den leidlich guten Scan des Gemäldes auf der Wikipedia-Seite im Sinne der Vorstellungen von perfekten Fotos. Nicht nur die Schärfe, auch Kontrast und Farbsättigung waren erhöht. Ich beschloss daraufhin, eine sich stets reproduzierende Serie von Smartphone-Fotos anzufertigen, bei der das Gerät stets das zuvor aufgenommene Fotos vom Monitor ablichtete.

Screenshot des Google-Albums mit den abgespeicherten Smartphone-Fotos
Screenshot des Google-Albums (chronologische Darstellung, neueste Bilder oben)

Die Fotoserie entwickelte sich wie eine Abfolge von Metamorphosen, die durch den Einfluss der Smartphone-KI differenzierten Neuschöpfungen generieren. Dieses Projekt stellte für mich den Wert und den Charakter der Fotografie als Mittel der Reproduzierbarkeit einer Realität grundsätzlich in Frage und beeinflusste nicht nur mein Projekt Autopsie einer Bildkritik, sondern führte auch zu den Überlegungen, welche Rolle die Technik in der Fotografie innhat. Die Essenz ist in meinem Essay zur Fotografie nachzulesen.

Letztes Bild der Fotoreihe
Die letzte, durch die Smartphone-KI generierte Metamorphose der Fotoreihe

Das Projekt ist mit einer kleinen Auswahl der generierten Fotos in einem Google Photo-Album beschrieben:
https://photos.app.goo.gl/byUaR7APAfGMNFQX7


1000 x Wagner (in Planung)

Ausgehend vom Smartphone-Projekt ist eine konzeptuell erheblich größere Arbeit geplant.

Mehr dazu hier unter „Geplante Projekte“