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Rechenmaschinenkunst. Teil 1: Ein Siegerbild und viele Fragen

Im August 2022 veranstaltete das Agrarministerium eines kleinen US-Bundesstaates einen Kunstwettbewerb, der durch das Siegerbild „Théâtre D’opéra Spatial“ weltweit bekannt wurde. Der Spieleentwickler Jason Allen hatte sein Kunstwerk aus dem Text-zu-Bild-Generator Midjourney generiert und am Computer nachbearbeitet.

Das Original ist auf einem Foto hier zu sehen.

Screenshot der SWR-Website mit der Abbildung des Siegerbildes.
Screenshot SWR-Website

Bemerkenswert war nicht, dass bei einem unbedeutenden Wettbewerb irgendwo in den USA ein kurioses Bild gewinnt. Bemerkenswert war die Tatsache, dass darüber weltweit berichtet und diskutiert wurde, schließlich wurde schon 2016 ein KI-Rembrandt präsentiert, der mit großem Aufwand generiert und per 3D-Drucker ausgegeben wurde.
2018 wurde sogar das per KI generierte Bild „Portrait of Edmond De Belamy“.des französischen Kollektivs Obvious bei Christie’s für 432.500 US-Dollar versteigert.

Screenshot der Süddeutschen Zeitung zum KI-Rembrandt
Screenshot der Christies-Website

Während „Next Rembrandt“ tatsächlich wie ein unbekanntes Werk des Niederländers aussah, erinnerte das versteigerte Bild nur mit viel Fantasie an ein mittelmäßiges Porträt des 19. Jahrhunderts. Aus der Nähe betrachtet, konnte es eigentlich schon vor vier Jahren nicht überzeugen. Beide Bilder stellten singuläre Phänomene dar, in abgeschlossenen Teams aufwendig und mit hoher Fachkompetenz umgesetzt.

Das Siegerbild vom August 2022 jedoch wurde mit einem Tool generiert, das grundsätzlich allen Nutzer*innen offensteht. Diese Tools ermöglichen neue Möglichkeiten der Bildschöpfung, die weit über eine Wiederverwertung von Vorlagen hinausgeht und die keinerlei Kompetenzen in Programmierung, Bildbearbeitung, Fotografie, Grafik oder bildender Kunst benötigen. Man tippt die Beschreibung des zu generierenden Bildes als Text – Prompt – in eine Eingabemaske und bekommt das Ergebnis einer Rechenoperation zurück.

 

Bereits mit dem vergleichweise simplen und ohne Anmeldung frei verfügbaren Tool Craiyon lassen sich Bilder im Stil bekannter Künstler generieren. Der Prompt der folgenden Beispiele lautete schlicht "modern abstract painting in the style of [Künstlername]".

Schon im Juni 2022 postete der Bild- und Medienwissenschaftler Roland Meyer einen längeren Thread bei Twitter, der sich ausführlich mit dem damals noch in der Invite-Phase befindlichen Tool DALL-E 2 beschäftigte und eine interessante Diskussion eröffnete.
Im September veröffentlichte die 1E9-Community auch einen sehr guten Artikel zu den möglichen Auswirkungen der Bildgeneratoren auf die Kunst.

„You killed the only thing that connected us to divinity“

Folgt man Accounts der Fans und Evangelisten, fällt auf, dass vor allem stark affizierende Bilder geteilt und gelobt werden. Je nach verwendetem Tool werden Ästhetiken von Anime-, Plattencover- oder Fantasy-Illustrationen paraphrasiert. Die Fans haben den großen Vorteil, dass man durch die zunehmende Auflösung des Kunstbegriffs seit der Moderne solche Werke nicht einfach als Nicht-Kunst aburteilen kann. Dieses anything goes ist nicht nur an der augenscheinlichen Rezeption festzumachen, es betrifft auch den Schöpfungsprozess. Künstler mögen sich weiterhin als singuläre Individuen inszenieren, man weiß aber, dass nicht nur Christo, Jeff Koons, Olafur Eliasson oder Damien Hirst ihre Werke niemals ohne ein großes Team von Spezialisten hätten schaffen können. Das Kunstwerk als Ergebnis von Anweisungen an ein ausführendes Team? Das ist nicht weit entfernt von den Anweisungen, die man einem KI-Tool übergibt.

 

Viele Fans argumentieren ganz im Sinne der Moderne und Postmoderne vor ihnen. Kunst wird entweder als tot erklärt, oder KI-Kunst als weitere und langfristig erfolgreichere Form in den bestehenden Kunstbegriff inkludiert. Hier eine Auswahl an Tweets der letzten Monate und Wochen:

 

„I can confirm. Traditional art is dead. RIP.”
„I don't understand the 'art is dead' narrative around dalle/stable diffusion- if anything, the most beautiful pieces of art in history will probably be made by AI.”
„Art is not dead, it's transforming.”
„There's no doubt in my mind that making AI art is real art. I spent about 1.5 hours tweaking things to produce these visuals. The hair, perfect red lipstick color, focus, eyes, wrinkles, theme, reflections, clothes. It was a joy to achieve a result I couldn't have previously.”
„ART is DEAD! We have slain the arts.”
„Is Art Dead? It's impact on Artists.”
„Art is Dead. Long Live Creativity.”
„Art isn't dead. It just got more exciting is all.”
„Now that the art and role of artist is officially dead and decades of experience are useless, and every Joe can just type a few words into Dalle/Midjourney/Stable Diffusion and create art, what should we do next?”
„If most art is created by dalle, what does that mean for humans? On the one hand, many human artists will struggle to keep up. Artistic achievements can now be accomplished en masse, in seconds. Thus, art is dead.”

 

Da viele KI-Bilder wie Werke der bildenden Kunst aussehen und auch so rezipiert werden, fühlen sich Kritiker und Gegner gezwungen, ein größeres Spektrum an Argumenten und differenzierten Überlegungen zu formulieren. Neben der Ästhetik der Bilder wird vor allem die Datenerfassung in Verbindung mit dem Copyright kritisch betrachtet, aber auch die in einigen Tools nicht vorhandene Restriktion bezüglich sexualisierter oder gewaltverherrlichender Inhalte. Die Argumente für die Ablehnung als Kunstwerke reichen vom Fehlen konzeptioneller und künstlerischer Prozesse, über fehlenden Willen zu Fleiß und Aufwand, bis zu ethischen Problemen und Kapitalismuskritik. Einige Tweets verbergen dabei nur mühsam die dünkelhafte Verteidigung zweifelhafter Kunst- und Künstlermythen angesichts der Tatsache, dass Bildermaschinen nun in die von der Digitalmoderne bislang unbehelligt gebliebenen Schutzräume der Kunstschöpfung eindringen:

 

„i don't really care whether ai is real art or whether it looks good or not, but i care very much about the fact that it's a plagiarism machine that functions off the theft of living creators' work”
„you cannot compare digital art to AI art, because one is a tool to help you draw, and the other eliminates the process entirely while also stealing from others.”
„A new AI image generator appears to be capable of making art that looks 100% human made. As an artist I am extremely concerned.”
„You’re not upset because somebody is feeding genius level artwork into an AI, making subpar art and taking credit for it. You’re upset because somebody is feeding genius level artwork into an AI, making subpar art and taking credit for it and most people don’t even care.”
„AI is not real art and there is no such thing as an "AI Artist". Your just lazy”
„AI art is not real art because there is no artistic process in creating one. Simple as that.”
„Ai "art" is not real art. It's just a soulless imitation lacking any human emotion trying to pass off itself as "real art".”
„So many things I want to yell about in regards to AI "art" because every day there is something more disturbing or predatory about it. Stop defending it as a "tool". Just stop. It was not created for us or by us, it ultimatley serves capitalism and not creativity.”
„more like back to the root issue, it is ethical problem instead debating is it ART or not. AI generated stuff is referencing other's art and i think is fine for reference/practice. But claiming that thing is "your own creation" then is ethically wrong.”

 

Es gibt auch Stimmen, die das kunstreligiöse Heilsversprechen der Kunst endgültig zerstört sehen. Die Ablehnung kann dann in einen evangelikalen, regressiven und antimodernistischen Kulturpessimismus inklusive Gewalt- und Vernichtungsfantasien münden:


„you killed the only thing that connected us to divinity on this shithole of planet, you did it, you finally killed humanity, fucking nerds, you killed DaVinci, you killed Michelangelo, you killed music before with your software to produce garbage that now the entire world consumes, satanic music made in a computer, now you finally killed art itself, I hope that every single one of you gets hanged in public once we reach Pandemonium due to you fuckers ruining everything, Gates was one of you, the AiArt creators were one of you, you Antichrists will be burned alive“

(https://twitter.com/GeneratedImage/status/1582606328744136706)

 

Verteidiger der KI-Bilder argumentieren auf Grundlage der phänomenologischen Erscheinung: die Bilder sind neu, sie sind überraschend, sie lassen sich formal kaum antizipieren und erscheinen wie Ergebnisse kreativer, menschlicher Prozesse. Es ist auch nicht verwunderlich, dass einige Redakteure Jason Allens Siegerbild  als „Gemälde“ bezeichneten, es sieht tatsächlich so aus wie ein mit Pinsel und Farbe geschaffenes Artefakt.

Die Gegner konzentrieren sich dagegen auf den Prozess der Bildgenese. Die Fans, so ihr Vorwurf, säßen unreflektiert einem Budenzauberspektakel auf, das mit geistig-konzeptueller und erfahrener Schöpfung menschlicher Individuen und mit dem Kunstbegriff nichts zu tun habe. Hier trifft auch die westlich geprägte Abneigung gegen eine menschliche Schöpferhybris auf die Bagatellisierung kommerzieller Automatenkunst.

Verteidiger und Kritiker argumentieren also mit zwei unterschiedlichen Kunstbegriffen. Der prozessorientierte Kunstbegriff der Gegner rückt vor allem konzeptuelle, kreative und handwerkliche Tätigkeiten des Menschen in den Vordergrund als Grundvoraussetzung dafür, überhaupt von Kunst sprechen zu können. Der ergebnisorientierte Kunstbegriff der Enthusiasten bezieht sich unabhängig von der Genese vor allem auf die Wirkmächtigkeit der Ergebnisse. Menschliche Fähigkeiten billigen sie auch Maschinen zu, sofern die Ergebnisse geeignet sind, als Kunstwerke zu gelten.

 

Dass diese gegensätzlichen Kunstbegriffe und die daraus abgeleiteten Bewertungen zahlreiche Überschneidungen und Grauzonen ausblenden, wird im zweiten Teil erläutert.

 

Teil 1 der Artikelserie

Teil 2 der Artikelserie

Teil 3 der Artikelserie

Teil 4 der Artikelserie

Teil 5 der Artikelserie